Was bedeutet die Digitalisierung für das Stakeholder Management?

Die Digitalisierung hat und wird weitreichende Folgen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft haben. Darin sind sich Wissenschaftler, Journalisten und andere Experten einig. Weniger Einigkeit herrscht über die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung sowie die Frage, ob sich diese für die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft eher positiv oder negativ gestalten. Die Enthusiasten heben die Vorteile wie die steigende Effizienz und den sinkenden Ressourcenverbrauch hervor, während die Kritiker beispielsweise auf die Substitution von Arbeitsplätzen durch die zunehmende Automatisierung und die Konzentration von Marktmacht bei Unternehmen wie Google, Apple & Co. hinweisen. Eine weniger aufgeladene, aber ebenfalls relevante Frage ist, welche Folgen die Digitalisierung auf die Beziehung zwischen Unternehmen und die Gesellschaft hat. Noch konkreter: Wie wirkt sich die Digitalisierung auf das Stakeholder Management von Unternehmen aus?

Vom Konsumenten zum „Prosumenten“

Einen interessanten, ersten Ansatzpunkt zeigt das Interview mit dem amerikanischen Star-Ökonomen Jeremy Rifkin in der aktuellen Ausgabe der Handelszeitung auf. Als kontroverser Vordenker und einer der führenden Intellektuellen auf dem Themengebiet „Digitalisierung und Wirtschaft“ äussert sich Rifkin gerne und oft in Talkshows, Zeitungen und seinen Büchern, zuletzt mit dem Bestseller „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“. Ein Aspekt des Interviews in der Handelszeitung ist besonders vor dem Hintergrund des Stakeholder Managements spannend:

„Die Menschen produzieren [in der Zukunft] ihre erneuerbaren Energien selbst – zu Grenzkosten von fast null. Sie drucken Produkte zu minimalen Kosten im 3D-Drucker aus.“

An anderer Stelle:

„Neben Käufern und Verkäufern, Produzenten und Nutzern wird es Prosumenten geben – Millionen von Menschen, die virtuelle Güter, Energie oder Transport im aufkommenden Internet der Dinge produzieren und teilen.“

Mit anderen Worten deutet Rifkin an, dass die Digitalisierung Konsumenten ermächtigt, Waren selbst herzustellen und anderen Verbrauchern bereitzustellen. Zumindest bestimmte Waren wie Energie und alles, was sich per 3D-Drucker produzieren lässt. Angenommen Rifkin hätte mit dieser Behauptung Recht, würde dies die Beziehung zwischen Unternehmen und der Gesellschaft spürbar verändern. Neben den bisher bekannten Stakeholder-Gruppen (Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Eigentümer, etc.) entstünde als neuer Typus der „Prosument“ – Produzent und Konsument in Einem.

Implikationen für das Stakeholder Management

Die Entstehung dieses neuen Typus‘ von Stakeholder wirft diverse Fragen auf. Welche konkreten Ansprüche hat der Prosument gegenüber Unternehmen? Welche Chancen und Risiken bedeutet dieser neue Stakeholder für Unternehmungen? Wie sollen Unternehmen mit Prosumenten interagieren, wenn Letztere aufgrund ihrer Unabhängigkeit keinen Anreiz zur Kooperation mit Unternehmen haben? Und noch viel fundamentaler: Wird es im Zeitalter des Prosumenten in den betroffenen Branchen (z. B. Energie) überhaupt noch Unternehmen, wie wir sie heute kennen, geben oder werden diese vollkommen durch Prosumenten ersetzt?

Daniel Laude

Veröffentlicht von

Daniel Laude hat „Außenwirtschaft / Internationales Management“ (Bachelor of Arts) an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und im „Master in Management“ (Master of Science) an der Universität Mannheim studiert. Seine akademische Laufbahn umfasste ausserdem bisher Auslandsaufenthalte in Bangkok und St. Gallen. Daniel absolviert seit 2015 ein Doktorat an der Universität St. Gallen zum Thema "Stakeholder-Vertrauen".

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