Digitalisierung: Die Steuerungsmacht in Wirtschaft und Gesellschaft verschiebt sich

In einem unserer aktuellen Forschungsprojekte geht es um die Frage, wie sich Berufsbilder und damit letztlich Jobs und Angestelltenverhältnisse im Zuge der Digitalisierung entwickeln werden. In Presse und Gesprächen wird die Vermutung artikuliert, dass es künftig das heute übliche unbefristete Angestelltenverhältnis so nicht mehr geben wird. Vermehrt wird auf Projektbasis gearbeitet und Personen temporär aufgrund spezifisch benötigter Kompetenzen rekrutiert. Netzwerke (in digitaler Form z.B. LinkedIn, Xing) und Plattformen (z.B. Upwork, wo man seine Kompetenzen anbieten kann) werden für den Einzelnen wichtiger.

Die Netzwerkbildung spielt aber auch organisationsseitig eine zentrale Rolle: Beziehungen und Rekrutieren von ausserhalb der Organisation wird wichtiger. Und die damit zusammenhängende verstärkte Projektorientiereung macht sich bemerkbar: (Projekt-)Teams in Organisationen werden unabhängiger von der Hierarchie, welche an Wichtigkeit einbüsst. Dies alles lässt die Organisationsgrenzen vermehrt verwischen.

Als Resultat dieser Entwicklungen kann man sich ein grosses Netzwerk vorstellen, das aus Individuen mit bestimmten Kompetenzen besteht, welche aufgrund spezifischer Aufgabenstellungen ihre Beziehgungen in unterschiedlichen Konstellationen (temporär) verstärken oder lockern.

Die grosse Frage in einem solchen System ist letztlich aber jene der Steuerung, resp. der Impulsgebung: Wer vergibt die Aufträge? Die Hierarchie der Organisationen ist zu einem grossen Teil verschwunden, die Selbstorganisation von aufgabenfokussierten Einheiten alleine beantwortet die Frage nicht (Netzwerke ohne Hierarchie funktionieren nicht einfach steuerungslos). Verschiedene Antworten sind möglich (nicht abschliessend):

  • Grosse Digital-Unternehmen und Plattformen verleiben die heute bestehenden herkömmlichen Unternehmen über die Zeit ein und bilden eine Art neues, übergeordnetes Level von Superunternehmen (z.B. Mercedes-Benz nur noch als Zulieferer von Motoren für Googles fahrendem Rechner). Sie sind es, die die Grundimpulse von oben geben.
  • Impulse gehen von aufkommenden Ideen in einem Netzwerk aus, respektive können von einer (Projekt-)Gruppe oder Individuen dieses Netzwerks etabliert werden. Um sie dann auch als Aufträge vergeben zu können, müssen allerdings genügend Ressourcen (v.a. auch Kapital) alloziert werden können. Dies setzt wiederum Gruppen (Investoren) oder Plattformen (z.B. für Crowdfunding) voraus, welche diese Ressourcen bereitstellen. Es handelt sich hier eher um lateral entstehende Grundimpulse.

Dies sind zwei verschiedene Antwortmöglichkeiten zur gestellten Frage (auch Mischformen sind denkbar). Die Steuerung und damit die Machtverteilung der beiden ist gänzlich verschieden (top down vs. lateral). Dies hat verschiedenste Implikation für Wirtschaft und Gesellschaft.

Es ist meines Erachtens daher wichtig, über diese Frage nachzudenken und die Digitalisierung nicht nur „einfach so“ geschehen zu lassen: Digitalisierung ist nur ein technisches Phänomen, sondern hat auch Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und damit letztlich auf die gesellschaftlichen Strukturen.

 

Konklusionen aus der Stakeholder View:

Die Stakeholder-Landschaft verändert sich durch die Digitalisierung: Netzwerke (von Stakeholdern) werden wichtiger, Organisationsgrenzen verwischen vermehrt.

In der Tendenz werden Stakeholdergruppen damit eher kleiner (Projekt-Gruppen statt hierarchische Organisationen) und untereinander neu verbunden:

  • Möglicherweise durch eine neue „oberste Schicht“, welche die Netzwerk-Stakeholder steuert
  • Möglicherweise durch eine laterale Verteilung von Steuerungsmacht im Stakeholder-Netzwerk
Claude Meier

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Dr. Claude Meier studierte Politikwissenschaften und BWL an der Universität Zürich. Nach dem Studium nahm er die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Strategisches Management: Stakeholder View an und ist nach erfolgreicher Publikation seiner Dissertation nun stellvertretender Institutsleiter und Fachreferent. Seine Dissertation trägt den Titel "The Effectiveness of Transnational Standard Initiatives (TSI) in the Apparel Industry". Neben dem Einbringen seines Expertenwissens der Stakeholdertheorie, der Transnationalen Governance und dem methodischen Wissen in die verschiedenen Forschungsprojekte, agiert er als Lehrkraft und Fachreferent für Strategisches Management und Wissenschaftliches Arbeiten an der HWZ. Ausserdem leitet Herr Meier seit dem Frühlingssemester 2015 die neu geschaffene Fachstelle für Wissenschaftsmethodik. In dieser Funktion ist er für die adäquate Vermittlung von Kompetenzen im Bereich Wissenschaftsmethodik in sämtlichen Studiengängen an der HWZ verantwortlich.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Meier,
    in Ihren beiden abschließenden Absätzen beschreiben Sie genau diese Herausforderung. In dem von mir aktuell gestarteten Forum “Für Verantwortung in der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft” und einem gleichnamigen Positionspapier stelle ich dies so genau in dem Mittelpunkt. Während sich viele noch an der Vielzahl (vermeintlicher) technischer Einzelinnovationen begeistern, geht der Blick für das Ganze zunehmend verloren.
    Das Papier finden sie u.a. auf meiner Homepage (http://www.blo-beratung.de/download.php) unter dem Stichwort Positionspapier Verantwortung. Über einen Austausch würde ich mich freuen.

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