Geschäftsmodell “Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren”: Nicht ausgedient?

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren—so lautete der Vorwurf an die Banken nach Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise.

Ob sich die europäischen Banken dieses Geschäftsmodells entledigt haben, daran wurde jüngst wieder Zweifel geäussert: Die Ökonomen Viral Acharya, Diane Pierret und Sascha Steffen haben die Zahlen des gerade publizierten Stresstests der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Bankenaufsicht genauer angesehen.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Berechnungen der Ökonomen (basierend auf den Bedingungen für amerikanische Grossbanken) ergeben bei den gelisteten europäischen Banken des Stresstests eine Unterversorgung an Kapital von 123 Mrd. €.
  • Trotz dieser Unterversorgung hätten insgesamt 28 von den 34 gelisteten Banken des Stresstests eine Dividende von insgesamt 40 Mrd. € für 2015 ausbezahlt – ca. 60% der Gewinne.
  • Dies sei eine Vermögenstransfer zu den Aktionären: Erstens steige dadurch die Gefahr, dass die Obligationäre für Verluste aufkommen (Bail-in) müssten. Falls dann tatsächlich solche Verluste einträfen, würde dies zweitens auch eine Sozialisierung der Verluste bedeuten, nämlich ein Vermögenstransfer von den Steuerzahlern zu den Shareholdern – da laut den neuen europäischen Richtlinien nach einem Bail-In Staatshilfe erlaubt ist.

Die kernige Forderung der Ökonomen, um der risikobehafteten Unterversorgung an Kapital in der Eurozone Herr zu werden: „High time to tell European banks: No dividends!“ Es sei nun die Aufgabe der Europäischen Zentralbank dies umzusetzen.

Mich überrascht, dass dies nicht mehr Aufmerksamkeit erhält. In der NZZ fand ich diese Analyse weit hinten im Wirtschaftsteil. Haben wir uns etwa bereits damit abgefunden, dass uns nur das Prinzip Hoffnung bleibt, dass die Strategien der systemrelevanten Grossbanken diesmal aufgehen werden?

Christian Stutz

Veröffentlicht von

Christian Stutz hat einen Lizentiatsstudiumsabschluss in Allgemeiner Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Universität Zürich. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit methodologischen Problemstellungen in der qualitativen Forschung. Darüber hinaus interessiert er sich für Fragestellungen der Stakeholder Theorie sowie der Corporate Social Responsibility (CSR).

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