Die Stakeholder View: Eine moralische Wettbewerbstheorie?

Was ist eine moralische Wettbewerbstheorie?

Diese etwas paradoxe Frage habe ich mir gestellt, als ich kürzlich ein lesenswertes Portrait über Karl Homann, den Doyen der deutschen Wirtschaftsethik, in der NZZ gelesen habe.

Der 73-jährige Homann kämpfte zeitlebens dafür, dass der sittliche Wert des Wettbewerbs in Deutschland mehr Anerkennung erhält – einem Land, das mit der Sozialen Marktwirtschaft der Wettbewerbswirtschaft bekanntlich ein enges Korsett anzog und auf ordnungspolitische Massnahmen des Staates setzte. Im Kern ist Homann überzeugt, dass der institutionelle Rahmen so ausgestattet sein muss, dass sich moralisches Verhalten für Unternehmen auszahlt.

Wenn ich Homann richtig verstehe, meint er damit jedoch nicht, dass die einzige soziale Verantwortung der Unternehmen darin besteht, ihren Gewinn zu steigern (à la Milton Friedman); oder dass Unternehmen rosinenpickend diejenigen sozialen Probleme angehen sollen, für die sie gewinnbringend ein Produkt oder eine Dienstleistung auf den Markt bringen können (à la Michael Porters Shared Value-Konzept).

Vielmehr ist er pragmatisch, und fordert von Unternehmen einzig, dass sie sich das Ziel setzen müssen, stetig nach Verbesserungen (z.B. bzgl. Arbeitssituation ihrer Zulieferer) zu streben. Wenn das Anreizsystem des Marktes nun richtig ausgestattet ist, so Homann, wird sich dieses Streben auch langfristig auszahlen. Eine moralische Wettbewerbstheorie also.

Konklusion aus der Stakeholder-View:

Ähnlich würden m.E. auch massgebliche Vertreter der Stakeholder Theory argumentieren. Im Kern bewertet die Stakeholder Theory den Markt positiv, was nicht verwunderlich ist, da sie insbesondere im amerikanischen – marktgläubigen – Kontext durch die Arbeit des amerikanischen Philosophen Ed Freeman entwickelt wurde. In der Tradition der amerikanischen Pragmatisten wie Richard Rorty, fragt die Stakeholder Theory nach dem pragmatisch Machbaren; und verwehrt sich universalistisch-moralischen Standards. In diesem Sinne ist auch die Stakeholder Theory eine moralische Wettbewerbstheorie – was nur scheinbar ein Paradox ist.

Christian Stutz

Veröffentlicht von

Christian Stutz hat einen Lizentiatsstudiumsabschluss in Allgemeiner Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Universität Zürich. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit methodologischen Problemstellungen in der qualitativen Forschung. Darüber hinaus interessiert er sich für Fragestellungen der Stakeholder Theorie sowie der Corporate Social Responsibility (CSR).

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