«Social Freezing» bezahlt von Firmen: Nebenwirkungen im privaten Bereich

Für Frauen um die 35, die einen starken Kinderwunsch haben, denen aber bislang der passende Partner fehlte, kann „social freezing“, also das Einfrieren von Eizellen zwecks Fruchtbarkeitsverlängerung, einen individuell gewollten Zeitgewinn bringen. Unabhängig, ob man diese neuere Methode der Reproduktionsmedizin befürwortet oder nicht, handelt es sich hierbei primär um einen individuellen, privaten Entscheid.

Problematischer wird es aber, wenn Unternehmen beginnen, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen ihrer Arbeitnehmerinnen zu übernehmen. Denn dadurch greifen sie elementar in einen grundsätzlich privaten Bereich ein. In den Medien wird viel darüber berichtet, dass Facebook und Apple neben anderen nun auch diese Kosten im Bereich der Familienplanung bezahlen.

Unter dem verkündeten Credo, dass „social freezing“ den Frauen den biologischen Zeitdruck nehme, dadurch die Motivation im Job steigere und ihre Karrieremöglichkeiten verbessere, werden jedoch primär unternehmenseigene Interessen verfolgt. Qualifizierte Frauen können dadurch nämlich ohne Unterbrechung und möglichst vollzeitlich behalten und entwickelt werden. Der potentielle Nutzen für das Unternehmen ist sichtbar, keine Frage.

Doch wie sieht es für den Stakeholder Mitarbeiterinnen aus? In unserer Multioptionsgesellschaft werden weichenstellende Entscheidungen zeitlich oft immer weiter nach hinten geschoben, mit dem Ziel, sich möglichst viele Optionen möglichst lange zu erhalten. Durch Unternehmen bezahltes „social freezing“ befördert dieses Verhalten. Ob nämlich der „richtige Zeitpunkt“ dadurch besser zu erwischen ist, darf stark bezweifelt werden: man wird kaum entscheidungsfreudiger nur weil man älter ist. Ausserdem ist die Karriere oder ein engagiertes Berufsleben auch mit 50 oder darüber nicht einfach besiegelt: gerade höhere Positionen sind oft durch sehr erfahrene Mitarbeitende besetzt. Unter dem Strich dürfte trotz „Fristerstreckung“ die Chance hoch sein, den richtigen Zeitpunkt erneut zu verpassen.

Welchen Stellenwert die Kinder im Leben einer Frau und auch eines Mannes haben, kann eigentlich nur aufgrund der Erfahrung beurteilt werden, d.h. wenn diese auch wirklich da sind, man sich also für diese Option entschieden hat. Durch ein Kind kann sich die Wahrnehmung des Sinns des Lebens oder, prosaischer ausgedrückt, die Prioritätensetzung im Leben einer Person (Frau wie Mann) verändern.

Der Entscheid für „social freezing“ erleichtert einem die temporäre Verdrängung dieser Erfahrung. Und die unternehmerische Kostenübernahme unterstützt ihn aus Eigeninteresse, ohne den so einfach zu verpassenden „richtigen Moment“ zu thematisieren.

Insgesamt ist es einfach, den unternehmerischen Nutzen des bezahlten Einfrierens von Eizellen zu erkennen. Aber den Wert für die Frau, die potentielle Familie (also auch den Mann) und für die bezüglich Optionseinschränkungen entscheidungsschwache Gesellschaft zu erkennen ist schwierig.

Claude Meier

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Dr. Claude Meier studierte Politikwissenschaften und BWL an der Universität Zürich. Nach dem Studium nahm er die Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Strategisches Management: Stakeholder View an und ist nach erfolgreicher Publikation seiner Dissertation nun stellvertretender Institutsleiter und Fachreferent. Seine Dissertation trägt den Titel "The Effectiveness of Transnational Standard Initiatives (TSI) in the Apparel Industry". Neben dem Einbringen seines Expertenwissens der Stakeholdertheorie, der Transnationalen Governance und dem methodischen Wissen in die verschiedenen Forschungsprojekte, agiert er als Lehrkraft und Fachreferent für Strategisches Management und Wissenschaftliches Arbeiten an der HWZ. Ausserdem leitet Herr Meier seit dem Frühlingssemester 2015 die neu geschaffene Fachstelle für Wissenschaftsmethodik. In dieser Funktion ist er für die adäquate Vermittlung von Kompetenzen im Bereich Wissenschaftsmethodik in sämtlichen Studiengängen an der HWZ verantwortlich.

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