Ubers Aufstand in Austin, Tx: Eine Erzählung über einen digitalen Disruptor aus der Stakeholder Perspektive

Austin, Tx. Donnerstagnacht – irgendwo in einer der hippen Gegenden, in denen sich „Trailor Park Eateries“ und andere Freiluft-„Happenings“ angesiedelt haben, für welche die amerikanische Tech-Metropole berühmt ist. Wir wollten heimwärts: öffentlicher Verkehr Fehlanzeige; fernab von Downtown weit und breit kein Taxi zu sehen. Ein Barkeeper rief schliesslich bei einem Taxiunternehmen an. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ein Taxi endlich den Weg zu uns.

Austin, Tx. Freitagabend. Wieder wollten wir raus. Dieses Mal aber besser gewappnet. Unser AirBnB-Host erklärte uns, dass hier jedermann nur Uber benutze. It’s easy and fun. Sie überzeugte uns, meine Vorbehalte gegenüber Uber fallenzulassen. Ich installierte die App.

Und wow. Die überragende Technologie erstaunte mich: In Echtzeit konnten wir verfolgen, wie der bestellte Fahrdienst innert Minuten bei uns war. Die Fahrt, ein Vergnügen: Unser Chauffeur gewährte Einblick in sein Austin; umgekehrt sei es für ihn ein spannender, aber auch dringend notwendiger Zusatzverdienst, wie er sagte. Von uns erhielt er die Maximalbewertung: fünf Sterne. Das Materielle – nur ein Bruchteil der vorabendlichen Taxifahrt – rechnete die App per Kreditkarte im Hintergrund ab. Die App begeisterte mich.

Zürich, Montagmorgen – zurück im Büro. Eine Mail von Uber lag in meinem digitalen Posteingang. Uber forderte mich darin auf, zur Wahlurne zu gehen und meine Stimme für „Proposition 1“ einzulegen. Ich erinnerte mich: Unser AirBnB-Host erwähnte, dass eine kommunale Abstimmung über Uber und co. stattfinden werde.

Meine Neugierde war geweckt. Was war geschehen?

Neue Verordnung: Mehr (polizeiliche) Sicherheit

Ihren Anfang nahm die Geschichte, als Austins Stadtrat im letzten Dezember eine neue Verordnung verabschiedete. Das Ziel: Massnahmen zur Erhöhung der polizeilichen Sicherheit. Die Verordnung nahm öffentliche Sicherheitsbedenken auf, die im Zuge von Vorfällen sexueller Belästigungen aufgekommen sind. Sie verlangt von Uber und anderen Fahrdienstvermittlern, Ihre FahrerInnen mittels Fingerabdrücken sicherheitstechnisch überprüfen zu lassen; auch will die Verordnung, dass die Fahrzeuge der FahrerInnen von aussen als solches erkennbar werden („trade dress“) – alles Richtlinien, welche die Fahrdienstvermittler mit normalen Taxiunternehmen gleichstellen.

Gegen diese Verordnung, die sozialpolitische Bedenken, wie gerade jetzt in der Schweiz Hintergrund der Bemühungen der Behörden, völlig aussen vor lässt, ergriffen Uber und co. das Referendum. Der Gegenvorschlag, eben Proposition 1, der die staatliche Regulierung wieder für nichtig erklären sollte, entstammt aus der Feder der Fahrdienstleister, und spricht sich – selbstredend – für Selbstregulierung aus.

Massiver Mitteleinsatz: Austin als Exempel

Um dieser Sichtweise zum Erfolg zu verhelfen, wendeten Uber und co. dann unglaubliche 8.6 Mio. $ für Werbung und Lobbying auf. Austin, so ein Lobbyist der Fahrdienstleister, sollte ein Exempel werden. Denn auch in anderen amerikanischen Städten sind die digitalen Disruptoren der Taxibranche verstärkt unter Druck geraten: Während sich zum Beispiel Uber aus der texanischen Stadt Corpus Christi aufgrund neuer Richtlinien zurückzog, konnte der Fahrdienstleister eine solche in San Antonio erfolgreich bekämpfen. Dies sollte jetzt national Schule machen. Mit der ultimativen Forderung: Entweder akzeptieren die Städte die Art der Selbstregulierung, welche die Fahrdienstleister sich selbst auferlegen, – oder aber sie schalten die Apps in den jeweiligen Städten ab.

Austin gegen Erpressungspraktiken

Die Wahlurnen schlossen letzten Samstag, 7. Mai. Und Austin goutierte diese Form der Erpressung nicht. Obwohl äusserst beliebt, und Uber und Co eine effektive Lösung für vielfältige Probleme amerikanischer Kommunen (chronische Unterversorgung durch den öffentlichen Verkehr; Arbeitslosigkeit; etc.) präsentieren, hat sich die Mehrheit (56%) gegen den Vorschlag der Fahrdienstleister ausgesprochen. Uber und co. haben ihren Dienst in Austin Montagmorgen eingestellt – mit der Konsequenz, dass Hunderte von FahrerInnen vor dem nichts stehen. Die Fahrdienstleister drücken sich vor jeglicher Verantwortung.

Texanische Kommentatoren sind – entlang der bekannten Linien – zweigeteilt: Die eine Seite beklagt die „Tyrannei“ der staatlichen Regulatoren, die den freien Markt einschränken. Die andere zeigt sich erfreut, dass dem Versuch von Uber und co., sich demokratisch legitimierten Rechtsetzungen zu widersetzen und eigene Regeln aufzustellen, einen Riegel vorgeschoben wurde.
Ich habe Uber wieder deinstalliert.

Konklusion aus der Stakeholder-View:

Die Digitalisierung der Wirtschaft ist zugleich die grösste Chance wie auch die systemdestabilisierendste Bedrohung unserer Zeit. Nicht nur sind ganze Branchen – und mit Ihnen auch die Angestellten – durch die digitalen Disruptoren bedroht, sondern auch, dass sie die sozialpolitischen Errungenschaften von Gesellschaften unterminieren. Wir stehen vor der Herausforderung, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die nicht bloss auf Effizienz- und Rationalisierungsgewinne getrimmt sind, sondern sich zum Ziel nehmen, der Gesellschaft zu dienen.
Ein Ansatz könnte zum Beispiel sein, dass Plattformbetreiber wie Uber sich nicht nur als „Facilitator“ inszenieren (und somit unternehmerische Risiken auf die FahrerInnen, die so genannten „Sub-Contractor“, auslagern), sondern dass sie ihre Verantwortung als Arbeitgeber, was sie eigentlich sind, wahrnehmen. So haben beispielsweise die Versandt-Applikationen Instacart und Shyp angekündigt, ihre Contractors künftig als Angestellte zu behandeln.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.