Volkswagen als Vorbild: Der Umgang mit unrühmlicher Geschichte

In Wolfsburg schwebt weiterhin das Damoklesschwert des Abgasskandals über den Volkswagenwerken. Zwar scheinen die Umrüstaktionen weltweit erfolgreich anzulaufen. Die Krise ist aber noch längst nicht bewältigt. Die Frage, die sich stellt, ist, wie nachhaltig der Reputationsschaden für Volkswagen sein wird. Wie werden sich künftige Generationen an die moralischen Verfehlungen des Umwelt-Sünders erinnern? Und mit welchen Effekten für Volkswagen? Oder konstruktiver: Wie soll sich ein Unternehmen im hier und jetzt ihrer moralischen Verantwortung stellen, damit ihre Legitimität in der Zukunft nicht nachhaltig geschädigt ist?Die Historie kann Volkswagen interessanterweise ein gutes Zeugnis für die Bewältigung von moralischen Verfehlungen ausstellen. In der Vergangenheit hat der Automobilkonzern bewiesen, dass es keine Kosten und Mühen spart, um die moralische Verantwortung für sein Handeln wahrzunehmen. Volkswagens Umgang mit der Nazi-Vergangenheit ist hierzu spannend. Diese Geschichte stellt der aktuellen Unternehmensführung Lehren zur Verfügung, die dienen könnten, die gegenwärtige Krise zu bewältigen.

Volkswagens Nazi-Vergangenheit

Im Sommer 1998 hatte Volkswagen verkündet, dass es einen Fond gründen werde, der Zwangsarbeiter entschädigen soll, die im Zweiten Weltkrieg in den Volkswagenwerken vor allem in der Produktion von Rüstungsgütern involviert waren. Dies war laut einer kürzlich publizierten Studie eher überraschend. Zuvor hatte der Automobilkonzern sich auf den Standpunkt berufen, dass es auf Befehl des verbrecherischen Naziregimes gehandelt habe. Doch damit liessen sich kritische Stimmen, die seit Mitte der Achtzigerjahre zunahmen und eine gegenwärtige Verantwortung für Ungemach in der Vergangenheit einforderten, nicht verstummen. Im Laufe der Zeit begann Volkswagen aber, sich der moralischen Dimension seiner Vergangenheit zu stellen, statt auf diesem rechtlich einwandfreien Standpunkt zu verharren. Was war geschehen?

Das Aufflackern der Vergangenheit

Zunächst einmal interessierte sich die historische Forschung Mitte der Achtziger zunehmend für den Themenkomplex ‘Unternehmen im Zweiten Weltkrieg’. Zum Beispiel publizierte Klaus-Jörg Siegfried, der damalige Staatsarchivar von Wolfsburg, 1986 eine Monographie über die Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in den Volkswagenwerken. Zusätzlich erhielt die Debatte mit dem Fall der Berliner Mauer neue Nahrung: Neue historische Fakten aus den Archiven des Ostens wurden zugänglich, aber auch neue Stimmen von Opfern, die zuvor hinter der Berliner Mauer weggesperrt waren, griffen in die Debatte ein.

In dieser Atmosphäre, in der die moralisch (und nicht rechtlich) begründeten Forderungen immer lauter wurden, entschied sich Volkswagen für einen Befreiungsschlag. Die Unternehmung engagierte einen angesehenen Historiker, der die Vergangenheit schonungslos aufdecken sollte; sie übergab ihr Archiv in die Hände professioneller Archivare; und eben: sie etablierte einen Fond, der ehemalige Zwangsarbeiter entschädigen sollte. Volkswagen übernahm damit eine Vorreiterrolle: Die Grossen der deutschen Industrie, die allesamt während der Zeit des Naziregimes in diese Form der Geiselhaft genommen wurden, sollten diesem beispielhaften Engagement folgen.

Intergenerationale Verantwortung

Der Lohn dieses Engagements war, dass kaum neue Forderungen aufflackerten. Die Gesellschaft scheint sich mit dem deutschen Unternehmertum und seinem unrühmlichen Handeln in der Nazi-Vergangenheit ausgesöhnt zu haben. So haben die Medien im Zuge des Abgasskandals auch kaum die Nazi-Vergangenheit von VW hervorgekramt. Es wäre ein leichtes gewesen, die gegenwärtigen moralischen Verfehlungen mit dem Verweis auf die a-moralische Vergangenheit vorzuverurteilen.

Die Lehren, die diese Geschichte bereithält, sind, dass sich Volkswagen im hier und jetzt tunlichst nicht nur seiner rechtlichen Verantwortung stellen muss, sondern sich bemühen muss, die ganze Tragweite seiner moralischen Verfehlung lückenlos und schonungslos aufzuarbeiten. Wird dies vernachlässigt, läuft Volkswagen Gefahr, dass es das Damoklesschwert auch künftig, in 10, 20 oder auch 50 Jahren, über sich hängen hat.

Künftige Generationen werden nämlich den Umwelt-Sündern von heute kaum Verständnis entgegenbringen. Das ist schon jetzt absehbar.

Konklusion aus der Stakeholder View: Lessons learned

Die moralische Verantwortung von Unternehmen erstreckt sich in der digitalen Skandalisierungsgesellschaft über Generationen hinweg. Jederzeit können Debatten über vergangene Verfehlungen wieder aufflackern, und somit die Unternehmensreputation nachhaltig schädigen.

Christian Stutz

Veröffentlicht von

Christian Stutz hat einen Lizentiatsstudiumsabschluss in Allgemeiner Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Universität Zürich. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit methodologischen Problemstellungen in der qualitativen Forschung. Darüber hinaus interessiert er sich für Fragestellungen der Stakeholder Theorie sowie der Corporate Social Responsibility (CSR).

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