CSR ≠ CSR: Oder was eine Gay Pride mit Unternehmensverantwortung zu tun hat

Corporate Social Responsibility (CSR) ist in der Schweiz längst in aller Munde. Dieses Unternehmensführungs-Konzept, das im Kern von den Unternehmen neben der ‚normalen‘ ökonomischen Gewinnrechnung auch umwelt- und gesellschaftsbezogene Erfolgskenngrössen einfordert, gehört längst zum guten Ton, den die Unternehmen treffen müssen. Dessen ungeachtet ist alles andere als klar, was dieses Konzept im Tagesgeschäft von Schweizer Unternehmen eigentlich bedeuten soll. Um die Deutungshoheit über diesen Begriff im Schweizer Kontext ringen jüngst gar Bund und Vertreter der Unternehmen: So hat kürzlich EconomieSuisse zusammen mit SwissHoldings als Reaktion auf das in diesem Frühjahr verabschiedete Positionspapier des Bundes ihre eigene Interpretation von CSR publiziert. In meinem Blog-Beitrag möchte ich nicht auf die Unterschiede ihrer Lesart(en) von CSR eingehen (so wie beispielsweise die liberale NZZ klar eine staatliche Bevormundung in dem Vorstoss des Bundes ortet). Stattdessen geht es mir um etwas, das beide Positionspapiere gemeinsam verkennen: Nämlich, dass das im angelsächsischen Raum entwickelte CSR-Konzept auf die historisch gewachsenen Verhältnisse in der Schweiz angepasst werden müsste.

Dass CSR nicht gleich CSR ist – und auch nicht sein sollte –, ist mir diesen Sommer wieder einmal klar geworden. Im August war ich an der weltweit wichtigsten Managementforschungs-Konferenz, die diesjährig mit rund 11‘000 Teilnehmenden in Vancouver stattfand. Ein kleiner Teil davon – und hier zähle ich mich dazu – interessiert sich aus wissenschaftlicher Perspektive für CSR. Auch wenn eigentlich vereint in der „Sache“, fühlte ich mich als Europäer unter all den Nordamerikanern nicht immer verstanden.

Debatte: Gay Pride und Unternehmensverantwortung?

Zum Beispiel waren wir in einer Debatte, in die ich in einer der zahlreichen „social hours“ verwickelt wurde, völlig uneins. So erzählte ich von der Vancouver Gay Pride, der ich zufällig am Wochenende vor der Konferenz beiwohnte. Ich schilderte, wie beeindruckt ich war, dass sich Familien schon Stunden vor der Parade am Strassenrand säumten, um der LGBT-Gemeinschaft  ihre Unterstützung im Kampf um gleiche Rechte kundzutun. Ein wahres Volksfest! Ich erzählte aber auch, wie heuchlerisch ich es fand, dass nebst all den unterschiedlichsten LGBT-Organisationen auch Unternehmen wie Amazon ihre Mitarbeitenden auf die Strasse schickte, um für LGBT-Rechte einzustehen. Ich argumentierte, dass dies nicht unter die unternehmerische Verantwortung von Amazon fällt. „Statt zielgerichtetes, aber günstiges Reputationsmanagement zu betreiben, in dem sie für eine gute Sache einstehen“, so argumentierte ich polemisch, „solle Amazon gescheiter endlich Gewerkschaften als Sozialpartner akzeptieren“. Ich blieb unverstanden.

„Explizites“ vs. „implizites“ CSR

Im Nachhinein fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass sich in der unterschiedlichen Interpretation der unternehmerischen Verantwortung von Amazon genau das manifestiert hat, was die beiden (europäischen) CSR-Forscher Dirk Matten und Jeremy Moon als „explizites“ vs. „implizites“ CSR definiert haben. Während ersteres das ist, was gemeinhin als „normales“ (nordamerikanisch-geprägtes) CSR verstanden wird, bezeichnen sie mit zweiterem das, was in Europa historisch gewachsen die Unternehmensverantwortung ausmacht und meist unausgesprochen, eben implizit, bleibt.

„Implizites“ CSR der Schweizer Unternehmen: Eine Erfolgsgeschichte

Dazu gehört zum Beispiel der in der Schweiz so genannte Arbeitsfrieden, der historisch unglaublich bedeutsam ist und den die Arbeitgeber mehr oder weniger freiwillig mit den Gewerkschaften eingegangen sind. Ebenso fällt darunter unser im 20. Jahrhundert aufgebautes Sozialversicherungssystem, in das die Unternehmen gesetzlich verpflichtend eingebunden sind. Oder auch das duale Berufsbildungssystem, in dem die Unternehmen als Lehrbetriebe die Fachkräfte von morgen ausbilden und um das uns viele Länder beneiden.

Im Vergleich zum angelsächsisch geprägten „expliziten“ CSR zeigt sich im „impliziten“ die Unternehmung so nicht als Einzelkämpfer, der freiwillig Gutes tut oder auf aufkommende Stakeholder-Erwartungen reagiert oder präventiv antizipiert. Ganz im Gegenteilt ist die Unternehmung in dieser Konzeption in einem komplizierten, historisch gewachsenen Netzwerk von Stakeholder-Beziehungen (Unternehmensverbände, Gewerkschaften, politische Parteien und nicht zuletzt dem „Staat“) eingebettet, in dem sie auf Konsensfindung angewiesen ist, da das Kollektiv die „Unternehmensverantwortung“ als solches aushandelt und definiert.

„Explizites“ CSR als weiteres Einfallstor für marktliberales Gedankengut?

Der eingangs angesprochene Kampf um die Deutungshoheit über CSR in der Schweiz berücksichtigt diese schweizerische Tradition in CSR kaum. Eine Schweizer Debatte allerdings, die nur an dem angelsächsisch geprägten CSR-Verständnis anknüpft, läuft paradoxerweise Gefahr, ein weiteres Einfallstor für marktliberales Gedankengut aus Übersee zu öffnen. Damit verbunden ist ein Wandel der historisch gewachsenen Institutionen: Betont wird neu die uneingeschränkte Handlungsfähigkeit der einzelnen Unternehmung. Zurückgestuft wird die Bedeutung des (bereits seit einiger Zeit in Auflösung begriffenen) historisch entstandenen Netzwerks, das Solidarität und Gemeinschaftssinn in die Stakeholder-Beziehungen eingewoben hat.

“Implizites” CSR bewahren, Standortattraktivität auch für künftige Generationen sichern

Vor diesem Hintergrund ist zu hoffen, dass die oben angesprochenen Verbände, die vor allem „Unternehmenssteuern runter!“ auf ihre Fahnen geschrieben haben, auch wirklich ernst meinen, was sie in ihrem Positionspapier schreiben: Zur unternehmerischen Verantwortung gehört „Steuern bezahlen“ (S. 6) – und zwar stolz. Denn das komplizierte Schweizer System von Unternehmensverantwortung, das so genannte “implizite” CSR, beruht auf einem starken, solid finanzierten “Staat”. Dieses System garantiert die Schweizer Standortattraktivität, nicht etwa losgelöste Faktoren wie “tiefe Steuern”. Dafür müssen wir Sorge tragen. Nicht dass auch hierzulande Unternehmen irgendwann freiwillig ihren Arbeitnehmenden eine Sozialversicherung bezahlen … können, wenn sie denn wollen.

Konklusion aus der Stakeholder-View: Lessons learned

  1. In der Stakeholder View ist die Unternehmung kein ‚heroischer‘ Macher, sondern eingebunden in ein historisch gewachsenes Stakeholder-Netzwerk, in dem formell und informell die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmung ausgehandelt wird.
  2. In der Stakeholder View ist der Staat (in all seinen Gewändern) nicht einfach ein weiterer Stakeholder unter vielen (wie Kunden, Lieferanten, Mitarbeitende, etc.), sondern ein „spezieller“ Stakeholder. Im europäischen Kontext gilt traditionell die Losung: Politik vor Wirtschaft.
  3. Im internationalen Kontext erachte ich „explizites“ CSR auch für Schweizer Unternehmen als unverzichtbar. CSR-Initiativen schaffen dort, wo z.B. kein stabiles formelles Rechtssystem herrscht, verbindliche Richtlinien (z.B. zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Produktionsländern).

 

Christian Stutz

Veröffentlicht von

Christian Stutz hat einen Lizentiatsstudiumsabschluss in Allgemeiner Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Universität Zürich. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit methodologischen Problemstellungen in der qualitativen Forschung. Darüber hinaus interessiert er sich für Fragestellungen der Stakeholder Theorie sowie der Corporate Social Responsibility (CSR).

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