Gleichstellung? Vive la différence!

Im britischen Magazin The Economist konnte man über eine breit angelegte Studie lesen, wobei Männer bei der Rekrutierung von akademischen Wissenschaftlern massiv diskriminiert würden, begangen sowohl von Frauen wie auch von Männern. Im Kontext der Chancengleichheit (Ausgangsgerechtigkeit) ist diese Tatsache natürlich inakzeptabel. Im Kontext einer Gleichstellungspolitik (Ergebnisgleichheit) wiederum ist dies zwar nicht gerecht, könnte aber dennoch in einer gewollten Politik der „positiven“ Diskriminierung als zweckdienlich betrachtet werden. Dies, z.B., wenn man als gesellschaftliches Ideal eine 50-50% Quote in allen Bereichen der Berufswelt erachtet (in der Tat aber nur bei prestigeträchtigen Berufen thematisiert wird) und Frauen in einigen akademischen Disziplinen (z.B. der Physik) immer noch stark unterrepräsentiert sind.
Während die Chancengleichheit unumstritten ist, so wirft die heute vermehrt staatlich betriebene Gleichstellungspolitik aber erhebliche ethische Fragen auf. Welche Grenzen soll eine solche institutionalisierte „positive“ Diskriminierung haben und was soll der Idealzustand einer Gesellschaft überhaupt sein? In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass, wie die Geschichte aufzeigt, solche Eingriffe auf die Länge meist auch Nebenwirkungen mit sich bringen was den Wohlstand und die Freiheiten aller Bürger – ausser vielleicht einer kleinen privilegierten, staatsnahen Minderheit – betrifft, inklusive den „Hilfsbedürftigen“.

Somit ist die vom schweizerischen Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau betriebene Politik, ausdrücklich „Was lohnrelevant sein darf und was nicht, das schreibt der Gesetzgeber vor“ auch mit Vorsicht zu geniessen. Denn wie Claudia Wirz neulich in der NZZ schrieb, bedürfte es dann einer Art „Lohnpolizei“. Das Problem ist aber vielmehr, wie Studien wiederholt ergeben haben, dass Frauen bei der Stellenwahl den Lohn als weniger wichtig bewerten als andere Faktoren. Und diese Feststellung trifft den Kern des Problems aller Gleichheitsbestrebungen: Sie ignorieren oder verkennen oft der Menschheit inhärenten, evolutionsbedingten – und dadurch auch meist über Millionen von Jahren als überlebensdienlich bewährte – genetische Vielfalt, die auch auf die der Geschlechter zutrifft.

Ein Blick auf die Entwicklungsbiologie zeigt, dass die genetisch angelegten Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen beträchtlich sind, und dies bereits im fötalen Alter, bevor jegliche Sozialisation stattfinden kann: Männliche Föten, z.B., bewegen ihre Beine und Arme signifikant öfter als weibliche, währenddessen weibliche den Mund öfter öffnen. Solch genetisch basierte, geschlechterspezifische Verhaltensunterschiede sind denn auch logischerweise im Erwachsenenalter erkennbar. Wie Katty Kay und Claire Shipman, z.B., in ihrem Artikel „The Confidence Gap“ im The Atlantic erläutern, weisen Männer tendenziell mehr Selbstvertrauen aus als Frauen, mit klar erkennbaren Konsequenzen für Alltag und Karriere. Ihr Fazit lautet: „wenn wir [Frauen] dran bleiben, … [dann] können wir unsere Gehirne zu mehr Selbstvertrauen umgestalten. Was Neurowissenschaftler ‚Plastizität‘ nennen, nennen wir ‚Hoffnung‘“. Dieses Fazit ist nicht gerade ein Bekenntnis, das Vertrauen in dessen tatsächliche Realisierbarkeit weckt.

Der oft verkrampft geführte Diskurs über die sozioökonomische Prestigeparität zwischen den Geschlechtern trägt den biologisch bedingten Unterschieden – mit all ihren Qualitäten und Mängeln – weder Rechnung noch würdigt und fördert er dessen jeden eigen kreatives Potenzial. Er widerspiegelt vielmehr die unserem hyper-kommerzialisierten Zeitgeist entsprechende einseitige Überbewertung von allem Materiellen. Zählt denn Empathie und die daraus entstehende soziale Eingebundenheit nichts? Oder die höhere Lebensdauer, und die damit summa-summarum verbundene Lebensqualität, der Frauen? Der Mann mag auf dem Podest der weltlichen Errungenschaften überproportional oft „glänzen“, er verelendet aber auch viel öfter als Obdachloser auf unseren Strassen. Denn Selbstvertrauen und Mut enden auch oft in „Übermut“ und Absturz, und „lean-in“ Pionierverhalten à la Sheryl Sandberg bringt oft auch ein frühzeitiger körperlicher Verschleiss mit sich.

Eine konsequente Gleichstellungspolitik würde nun auch diese Diskrepanzen zu beseitigen trachten. Wie aber würde eine solche Gleichheitsgesellschaft aussehen? Eine Ahnung davon könnte man erhalten, wenn man das Leben von Nonnen und Mönchen in Klöstern betrachtet: Wie im Spiegel über eine aufschlussreiche Studie zu lesen war, reduziert sich die Differenz der Lebensdauer zwischen den Geschlechtern durch die eng kontrollierten, gleichen Tages- und Lebensabläufe gen null. Als Zivilisationsmodell ist dies aber natürlich rein schon in Betracht auf die Nachwuchszeugung untauglich.

Die Emanzipation der Frauen ist gesamtgeschichtlich betrachtet noch ein sehr neues Phänomen und es bedarf wohl noch ein paar Generationen bis sich ein neues Rollenverständnis für beide Geschlechter, und damit verbunden ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht finden lässt. Dies bedarf ein Abtasten und Ausprobieren, aber kein zwanghafter Gesellschaftsentwurf, den es, auf ‚komme was wolle‘ zu erreichen gilt. Viel dienlicher ist es, die Freiheit zu gewährleisten, dass jeder selbst wählen kann, welcher Lebensentwurf für einem stimmt; und damit die Chancengleichheit zu gewährleisten, dass diesem auch ungehindert nachgegangen werden kann. Anstatt einseitig als homo oeconomicus finanzielle Kriterien und gesellschaftliches Prestige zu huldigen, würde es dem Überleben unserer Zivilisation sicherlich nicht als schädlich erweisen, wenn auch die die Empathie, der soziale Zusammenhalt und die Lebensqualität entsprechend gefördert und gewürdigt würden.

Konklusion aus einer Stakeholder-View:

  • Das Würdigen aller Stakeholder bedingt auch die Würdigung deren Unterschiede.
  • Die Würdigung eines Stakeholders ist umfassender zu beachten als nur dessen wirtschaftliche Leistung und soziale Stellung.
Manuel Dawson

Veröffentlicht von

Manuel Dawson kommt ursprünglich aus dem Bereich der Molekularen Biophysik, wo er mehrere Artikel zur Elektrontransfer-Theorie des photosynthetischen Apparates von Bakterien mitverfasst hat. Danach verliess er die Wissenschaft und arbeitete mehrere Jahre im internationalen Marketing in der Biomedizin-Industrie, wo er aus erster Hand die ausser Kontrolle geratene Dotcom Blase der späten Neunziger Jahre in den USA erlebte. Dies überzeugte ihn, dass das heutige Wirtschaftssystem einer tiefgreifenden Revision bedarf, die unter anderem auch in den Köpfen von Managern stattfinden muss. In Folge fand er mit Freude zurück zur Universität, wo er sich heute insbesondere für die praktische Anwendung des Stakeholder-Ansatzes interessiert und die PRME (Principles of Responsible Management Education) an der HWZ einführt.

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