Griechenlands Schuldenkrise: Was wir von Ameisen und Grillen lernen können

Europa kann aufatmen. Die Griechen, so scheint es, konnten endlich zur Räson gebracht werden. Im besten Fall reumütig, im schlechtesten Fall taktierend, hat die Regierung Tsipras mit ihrem Finanzminister Varoufakis zentrale Wahlversprechen gegenüber dem griechischen Volk fallen gelassen und eine Einigung mit den europäischen „Institutionen“ über die Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms erzielt. Natürlich, da ist sich die Wirtschaftspresse fast einhellig einig, gehen die zugestandenen Reformvorschläge Griechenlands zu wenig weit. Aber immerhin. Griechenland scheint auf den richtigen Weg zurückgekehrt zu sein. Auf einen Weg, auf dem ein Staat nicht “auf Dauer auf Kosten der anderen über seinen Verhältnissen” (NZZ, 16.2.2015) lebt.

Hat nun endlich die Vernunft gesiegt? Ist wirklich alles so einfach?

Zumindest der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und viele andere Experten sehen es etwas komplizierter. In seinen Kolumnen und Blogbeiträgen hat er schon 2010, als die griechische Schuldenkrise erstmals medial Wellen warf, auf die Bedeutung reiner Mythen, statt wissenschaftlich fundierter Fakten, im Umgang mit der Schuldenkrise hingewiesen. Die Wirkungsweise solcher Mythen, die Herz und Kopf berühren und nicht zuletzt eine zutiefst moralische Prägung haben, sind in den Wirtschaftswissenschaften unter dem Begriff ‚animal spirits‘ bekannt. Nämlich die scheinbar irrationalen Elemente, die das Handeln und Denken von Politikern, Meinungsbildnern und uns allen lenken.

Handlungsleitende Mythen

Die Mythen über Griechenlands Schuldenkrise, die den öffentlichen Diskurs hierzulande und im Euroraum leiten und damit auch den Handlungsspielraum der Politiker und Bürokraten einschränken, hat der griechisch-stämmige Wirtschaftswissenschaftler Yiannis Kitromilides in einem sehr lesenswerten Artikel aufgedeckt. Entgegen den Fakten, die zum Beispiel an dieser Stelle fundiert dargelegt sind, bestehen die Schuldenkrisen-Mythen gemäss Kitromilides aus einer Vermengung von hierzulande wohlbekannten Fabeln und Parabeln.

Die Schuldenkrisen-Mythen: eine Fabel und eine Parabel

Die eine Fabel ist Äsops Geschichte von der fleissigen Ameise und der faulen Grille. Darin verwehrt (in der bekannten Version des französischen Fabeldichters Jean de la Fontaine) die fleissige Ameise im kahlen Winter der faulen Grille, die im Sommer nur gezirpt und getanzt, aber keine Vorräte angelegt hat, den Zugang zu den Vorräten. Die Grille bezahlt sodann für ihre Masslosigkeit und Gedankenlosigkeit mit Hunger.

Die andere Parabel ist die biblische Geschichte der Rückkehr des verlorenen Sohns. Ausgezogen, um sein vorgezogenes Erbe zu verprassen, und schliesslich verarmt, kehrt dieser Sohn voller Reue zu seinem Vater zurück. Dieser nimmt den Sohn, der seine Schuld eingesteht, wieder in die Familie auf.

Katharsis dank Sühne und Bestrafung

In diesen beiden Erzählmustern, so zeigt Kitromilides eindrücklich, verläuft auch die öffentliche Debatte über die Schuldenkrise. Das restliche (Nord-)Europa ist die fleissige Ameise; Griechenland die moralisch lasterhafte Grille. Möchte Griechenland in der europäischen Familie verbleiben, muss es wie der verlorene Sohn nicht nur Reue bekennen, sondern auch (als Grille) für seine Schuld büssen.

In dieser mythologischen, nicht rationalen Logik kann das in der öffentlichen Debatte geforderte Austeritätsprogramm nicht einschneidend genug sein: Es müsse ultimativ einsetzen. Und nur wenn es schmerze, könne eine vollumfängliche Katharsis eintreten.

Emotionale Mythen, nüchterne Fakten

Diese Logik ist zwar emotional verständlich, ist aber von wenig ökonomischen Gehalt. Länder sind “keine unartigen Kinder, die man bestrafen kann, damit sie sich das nächste Mal besser verhalten”. Praktisch nichts ist so einfach, wie uns vielfach der Volksmund wissen glauben will.

Konklusion aus der Stakeholder-View: Lessons learned für Unternehmen:

Aus dieser Analyse können wir viel über die Bedeutung von Mythen im Umgang mit Stakeholdern lernen:

Unternehmen haben wie Staaten und supranationale Organisationen ihre jeweils eigenen Mythen, die das Handeln und Denken der Mitarbeitenden zu einem gewissen Grad leiten. Die Resultate des Austauschs von Organisationen mit ihren Stakeholdern gelingen umso kreativer und innovativer, je anschlussfähiger diese organisationalen Mythen sind.
In Europas Fall wären Mythen, die die Interdependenzen der ökonomischen Hoch und Tiefs der Unionsmitgliedern betonen und keine einseitigen, weil verkürzten Schuldzuweisen machen, zielführender. Doch solche Geschichten sind zumindest hier in (Nord-)Europa noch rar. 

Christian Stutz

Veröffentlicht von

Christian Stutz hat einen Lizentiatsstudiumsabschluss in Allgemeiner Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Universität Zürich. Momentan beschäftigt er sich intensiv mit methodologischen Problemstellungen in der qualitativen Forschung. Darüber hinaus interessiert er sich für Fragestellungen der Stakeholder Theorie sowie der Corporate Social Responsibility (CSR).

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