Steigende Arbeitsbelastung: Ausnahme oder Dauerzustand?

Seit die SNB den Euromindestkurs aufgehoben hat, haben gemäss einem Artikel im Tages Anzeiger offenbar rund dreissig Schweizer Industriebetriebe die Arbeitszeiten verlängert. Arbeitszeiterhöhungen sind laut dem Gesamtarbeitsvertrag in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie grundsätzlich nur in ausserordentlichen Lagen möglich und erfordern die Zustimmung der Arbeitnehmervertretung. Eine solche Verlängerung der Arbeitszeit beruht also auf der Annahme, dass eine aussergewöhnliche Situation vorliege, die diese Massnahme vorübergehend rechtfertige. Oder ist es doch nur ein weiterer Schritt in einer längerfristigen Entwicklung?

Dass eine steigende Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden in Unternehmungen in den letzten Jahren nicht nur in aussergewöhnlichen Situationen stattgefunden hat, zeigen verschiedene Studien, die eine Zunahme der Dauerbelastung von Mitarbeitenden belegen. Gemäss einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung in Deutschland beklagten sich über 40 Prozent der Befragten darüber, dass das Arbeitsumfeld durch steigende Leistungsziele geprägt sei, und jeder Dritte fühlt sich überfordert. Eine Studie der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt ebenfalls, dass knapp ein Viertel aller Erwerbstätigen in der Schweiz sich «ziemlich oder stark» erschöpft fühlt.
Daraus kann aber nicht einfach die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die zunehmenden Anforderungen im Beruf die einzige Ursache der Überlastung sei. Vielmehr zeigt sich in einer weiteren Studie der Gesundheitsförderung Schweiz, dass der familiäre Stress ebenfalls mitberücksichtigt werden muss. Sowohl der berufliche wie auch der familiäre Stress wirken sich auf das Belastungsempfinden, auf die Gesundheit und auf die Lebenszufriedenheit aus. Der familiäre Stress ist sogar gemäss dieser Studie wichtiger als der berufliche. Zudem beeinflussen sich der berufliche und der familiäre Stress gegenseitig.
Eine Dauerbelastung oder gar Überbelastung resultiert also aus beruflichem und familiärem Stress. Sie wirkt sich sowohl auf der individuellen Ebene als auch auf Unternehmungsebene aus, wie eine Studie der Universität St. Gallen belegt. Unternehmungen selbst können, ähnlich wie Menschen, in eine Dauerüberlastungssituation hineinkommen, indem sie sich ständig über ihrer Leistungsgrenze bewegen. In der Studie der Universität St. Gallen konnte zudem gezeigt werden, dass kleinere Unternehmungen in einem wesentlich geringeren Ausmass (33 %) eine Dauerüberlastungssituation aufweisen als grosse Unternehmungen (bis zu 77 %). Dabei sind gesamthaft 75 % der Betriebe, die eine Dauerüberlastung zeigen, Produktionsunternehmungen.
Eine Erhöhung der Arbeitszeit in Produktionsunternehmen sollte also wohl überlegt und nicht nur aus kurzfristigem Gewinnstreben verfolgt werden. Eine andauernde berufliche Überlastung der Mitarbeitenden kann nämlich, wie in zahlreichen Studien belegt wurde, zu Demotivation und vermehrter Absenz führen. Zudem kann die berufliche Belastung ebenfalls die private Belastung erhöhen, wodurch wiederum die Work Life Balance negativ durch die Mitarbeitenden beurteilt werden kann. Dies ist aber auch deshalb negativ zu werten, weil Massnahmen für die Work Life Balance in den letzten Jahren zunehmend die Beurteilung der Arbeitgeberattraktivität beeinflusst. Die Arbeitgeberattraktivität ist aber wegen des Fachkräftemangels gerade für Produktionsunternehmungen in Zukunft ein wesentlicher Wert.

Konklusion aus der Stakeholder-View:

  • Unternehmerische Entscheidungen, gerade auch Arbeitszeitverlängerungen, erfordern eine umfassende Beurteilung des Nutzens und der Risiken für die wichtigsten betroffenen Stakeholder.
  • Vertrauen in den Stakeholder-Beziehungen kann die unternehmerische Wertschöpfung positiv beeinflussen. Im Falle der Verlängerung der Arbeitszeit stehen das Vertrauen und die Wahrnehmung der Arbeitgeberattraktivität durch die Mitarbeitenden als auch durch potentielle, dringend benötigte neue Fachkräfte auf dem Spiel.
Sybille Sachs

Veröffentlicht von

Sybille Sachs ist Professorin für Betriebswirtschaft und Leiterin des Instituts für Strategisches Management: Stakeholder View. Daneben ist sie seit 2003 Titularprofessorin an der Universität Zürich, an welcher sie die Vorlesung «Business and Society» institutionalisiert hat. Ausserdem ist sie auch ausserordentliche Professorin an der Faculty of Business and Law an der University of Southern Queensland. Sie hat bereits mehrere Bücher publiziert, darunter «StakeholdersMatter – A New Paradigm for Strategy in Society», das 2011 im Verlag Cambridge University Press erschienen ist. Als Wissenschaftlerin hat sich Sybille Sachs im Bereich Stakeholder Management mit ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit einen Namen gemacht. Ausserakademisch engagiert sie sich in Expertenkommissionen, Think Tanks und Verbänden und bringt sich mit regelmässigen öffentlichen Auftritten in gesellschaftliche Debatten ein. In der Rolle als wissenschaftliche Expertin unterstützt Sybille Sachs schliesslich auch Unternehmen bei der Umsetzung ihres Stakeholder Managements.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.