Zara – Guter Ruf verspielt?

In einigen meiner letzten Blogbeiträge habe ich die Wichtigkeit der Reputation am Beispiel des guten Rufes der Schweiz als Qualitätsherstellerin von Gütern und Dienstleistungen diskutiert. Es gibt konkrete Belege dafür, dass eine gute Reputation und das Vertrauen, das dadurch in potentiellen Kunden geweckt wird, nicht nur eine altruistische Tugend-Übung ist, sondern sich auch in bares Geld und in Gewinne ummünzen lässt (s. meinen letzten Blogbeitrag „Dismantling of a Swiss Holy Cow“). Viele Unternehmungen nehmen hier Abkürzungen oder nützen Schwächere systematisch aus, sei es wegen Konkurrenzdruck oder schlicht wegen des kurzsichtigen Imperativs der Profitmaximierung. Dies scheint auch bei Zara der Fall zu sein, dem Modehaus der Inditex Gruppe.
Als ich zum ersten Mal von der Inditex-Erfolgsgeschichte hörte, war ich beeindruckt von dem genialen Geschäftsmodell der just-in-time-Lieferungen und der Strategie, auf Werbung zu verzichten. Ich war auch berührt, wie das Unternehmen aus dem Nichts heraus in einem abgelegenen Teil Spaniens namens A Coruña von Amancio Ortega, einem Angestellten eines kleinen T-Shirt-Produzenten und Rosalia Mera, einer Näherin, aufgebaut wurde. Mit harter Arbeit und gewieftem Geschäftssinn ist so eines der grössten Modehäuser der Welt entstanden; Ortega wurde 2013 von Forbes gar als drittreichster Mensch der Welt aufgeführt. Wohlstand aus dem Nichts zu erschaffen verdient Respekt – vorausgesetzt, er wurde durch Einfallsreichtum und harte Arbeit geschaffen. Wenn dieser Erfolg jedoch auf dem Rücken der Schwächeren aufgebaut wurde, verpufft er schnell und hinterlässt dabei einen faulen Nachgeschmack.

Ist dies auch bei Zara der Fall? Ich weiss es nicht, denn noch ist nichts entschieden. Als ich jedoch vor ein paar Tagen der teuren Bahnhofstrasse entlang ging, dieser grünen Allee voller High End-Boutiquen, fiel mir die Baustelle für das neue Zara-Kaufhaus auf. Sie war umgeben von Unia-Mitgliedern (eine Schweizer Gewerkschaft), welche Flyer verteilten. Im Gespräch erklärten sie mir, dass die Bauarbeiter bis zu 15 Stunden am Tag arbeiteten, jedoch nur für 8 Stunden bezahlt würden, und dies erst noch zu einem deutlich tieferen Ansatz als es der Industriestandard vorschreibt und als es in der Schweiz legal wäre (zwischen 900 und 2000 Euro gegenüber 4500 Euro). Für schweizerische Verhältnisse sind dies Dumping-Löhne, die zwar illegal, in der Praxis jedoch immer noch möglich sind – möglicherweise aufgrund der (immer noch) offenen Grenzen der Schweiz für Arbeiter aus der EU (s. dazu den letzten Blogbeitrag zur Masseneinwanderungsinitiative). Selbst wenn man argumentieren würde, dass spanische Arbeiter nicht schweizerische Löhne erhalten sollten, wirft dies ein düsteres Licht auf die Geschäftspraxis von Inditex: Spanische Arbeiter wurden anscheinend in Spanien instruiert in der Schweiz zu sagen, sie verdienten reguläre schweizerische Löhne, obschon dies nicht der Fall war. Solche Anweisungen verschleiern die Wahrheit und sind dem Vertrauen in Zara nicht gerade förderlich, diesem Unternehmen, das um Transparenz, Integrität und ein positives Image bemüht ist.

Ich habe mich in der Zwischenzeit an Inditex gewandt und sie um eine Erklärung für ihr Verhalten gebeten, da ich (oder besser gesagt meine Teenager-Tochter) sonst in Zukunft ihre Läden boykottieren werde. Ausserdem bat ich um eine Liste mit möglichen Massnahmen, um diese dubiosen Geschäftspraktiken zu beenden (vorausgesetzt, sie sind wahr).

Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, wie Inditex mir antwortet – schauen Sie also nochmals auf unseren Blog. Oder noch besser, schreiben Sie Inditex selbst und fordern Sie eine Stellungnahme. Es ist eine einfache Geste des zivilen Aktivismus für mehr Transparenz und eine menschlichere Welt. Sie können hier direkt Kontakt mit Inditex aufnehmen:

http://www.zara.com/ch/en/contact-us-c11113.html

Manuel Dawson

Veröffentlicht von

Manuel Dawson kommt ursprünglich aus dem Bereich der Molekularen Biophysik, wo er mehrere Artikel zur Elektrontransfer-Theorie des photosynthetischen Apparates von Bakterien mitverfasst hat. Danach verliess er die Wissenschaft und arbeitete mehrere Jahre im internationalen Marketing in der Biomedizin-Industrie, wo er aus erster Hand die ausser Kontrolle geratene Dotcom Blase der späten Neunziger Jahre in den USA erlebte. Dies überzeugte ihn, dass das heutige Wirtschaftssystem einer tiefgreifenden Revision bedarf, die unter anderem auch in den Köpfen von Managern stattfinden muss. In Folge fand er mit Freude zurück zur Universität, wo er sich heute insbesondere für die praktische Anwendung des Stakeholder-Ansatzes interessiert und die PRME (Principles of Responsible Management Education) an der HWZ einführt.

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