Gute Theorien

In Kreisen der  Wissenschaften trifft man häufig die Meinung an, eine Theorie sei gut, wenn sie modellmässige Ursachen-Wirkungszusammenhänge (Kausalitäten) und quantitativ ausdrückbare Resultate zeigen könne. Diese Ansicht geht auf die sogenannten exakten Wissenschaften zurück, wo sie vielleicht Gültigkeit haben mag.Wie steht es aber damit in den Geistes – und Sozialwissenschaften?
Bei der Durchsicht führender Fachzeitschriften, etwa der Oekonomie, gewinnt man den Eindruck, dass diese Auffassung ebenfalls uneingeschränkte Gültigkeit habe. Es dominieren Beiträge, die in irgendeiner Form quantitative Aussagen und modellmässige Kausalitäten aufzeigen können.

In einer Problemsituation wird nur gezeigt und berücksichtigt, was quantifiziert werden kann. Alles andere wird durch Abstraktionen beseitigt oder als Externalitäten an den Rand gedrängt.So findet man immer noch  Beiträge, welche den Menschen zum Homo Oekonomikus degradieren und die Auswirkungen auf die Gesellschaft ausklammern. Die Reviwers solcher Zeitschriftenartikel sind zudem nicht selten etablierte Wissenschafter, die kein grosses Interesse haben, dass junge Nachwuchskräfte ihre bisher vertretenen Ansichten grundsätzlich in Frage stellen, indem sie unkonventionelle Annahmen und Argumentationen vorbringen. Die Etablierten bestimmen was eine “gute” Theorie ist. Hat aber nicht die Finanzkrise gezeigt, dass Theorien und Modelle, welche selbst von führenden Oekonomen ehedem als gut bezeichnet wurden, kläglich versagt haben?

Die Forderung muss also sein, dass Theorien als gut beurteilt werden, wenn sie die Komplexität des realen Lebens berücksichtigen und neben den ökonomischen auch die gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen aufzeigen. Verbale Klärungen und Argumentationen sind diesbezüglich in der Regel besser als rein quantitative Modelle. Sie mögen formal weniger elegant sein, aber ihr Erkenntniswert ist unvergleichlich höher. Die qualitative Forschung sollte also in den Fachzeitschriften mehr als die herkömmlichen abstrakten Simplifizierungen berücksichtigt werden. Und dem Praktiker in den Unternehmungen und Verwaltungen kann man nur raten, wenn die beratenden Modellschreiner auftreten, stets beharrlich nach den Annahmen der Modelle oder den Abstraktionen der zugrundeliegenden Theorien zu fragen, bevor sie die Vorschläge und Lösungen akzeptieren. Dann zeigt es sich, ob die angewendeten Theorien in dem Sinne gut sind, dass sie nicht nur elegant erscheinen, sondern die oft lästige Komplexität des realen Lebens angemessen erfassen.

Edwin Rühli

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Edwin Rühli ist emeritierter Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Zürich. 1970 gründete er dort das Institut für Betriebswirtschaftliche Forschung und leitete es bis zum Jahr 2000. Von 1984 bis 1990 war er Prorektor an der Universität Zürich. Im Frühlingssemester 1994 war er als erster Gastprofessor am Chazen Institute for International Management an der Columbia Business School in New York. Er war Mitglied verschiedener öffentlicher Beratungskommissionen und Verwaltungsratsmitglied bei mehreren Schweizer Firmen. Er ist Autor der Management-Bücher «Unternehmungsführung und Unternehmungspolitik I-III», welche in mehreren Auflagen veröffentlicht wurden. Er verfasste mehr als 200 peer-reviewed Publikationen im Bereich Internationales Management, Corporate Governance, Strategisches Management und Stakeholder Management. Er hat langjährige Erfahrung in der Hochschulbildung und in der Weiterbildung von Führungskräften. Heute ist er Senior Advisor am Institut für Strategisches Management: Stakeholder View der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. In den letzten zehn Jahren hat er eine Reihe von wissenschaftlichen Artikeln und als Co-Autor von Sybille Sachs mehrere Bücher über Stakeholdertheorie und Stakeholder Management publiziert.

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