Die 1000-Dollar-Pille

Seit diesem Frühjahr ist die sogenannte 1000-Dollar-Pille in der Schweiz zugelassen. Diese Pille, entwickelt von der amerikanischen Pharmafirma Gilead, ist eine radikale Innovation zur Behandlung von Hepatitis C: Die Heilungschancen sind mit über 80%, wie klinische Studien bestätigen, überaus hoch, der Behandlungszeitraum ist im Vergleich zu herkömmlicher Medikamenten kurz und ebenso sind die Nebenwirkungen geringer. Dieser erfreuliche Fortschritt schlägt sich aber nieder auf die monetäre Bilanz der Patienten bzw. der Krankenkassen: In den USA geht die Packung für 28‘000 Dollar über den Ladentisch (was dann eben die schwindelerregende Zahl von 1000$ pro Pille ergibt). Seit dem 1. August ist das Medikament nun auf der Spezialitätenliste des schweizerischen BAG und wird somit von der Grundversicherung zumindest teilweise übernommen worden.

Diese Preisgestaltung stösst international auf grosse Kritik. Nicht nur die Medien, sondern auch Arzt- und Apotherkerverbände stufen diese als unerhört hoch ein und bezeichnen sie als unethisch. Gilead hält dagegen, in dem sie einerseits die hohen Kosten für die Entwicklung, die klinischen Studien und die Quersubventionierung für nicht-erfolgreiche Produkte aufführen. Andererseits unterstreichen sie den Wert des Medikaments für die therapierte Person und die Opportunitätskosten für andere, aber längere Therapien, die gespart werden können. Zudem versprechen sie auf ihrer Webseite, dass sie den Preis für wirtschaftlich schwächere Länder entsprechend anpassen.

Auf den ersten Blick schockiert eine solch hohe Zahl. Ich scheue mich davor, die ökonomisch legitimierte Preisgestaltung zu kommentieren. Das Thema ist jedoch zu verzwickt, um nur die ökonomische Seite zu betrachten. Das Issue ist in ein komplexes, vielschichtiges Stakeholdernetzwerk mit unterschiedlichsten Ansprüchen eingebettet. In der Schweiz sind dies z.B. der Bund (BAG), die Ärzteschaft, Krankenkassen, erkrankte Personen, nicht-betroffene Kankenkassenprämienzahler, Aktionäre der Pharmafirma, Mitarbeiter der Pharmafirma oder auch Konkurrenten von Gilead. Es scheint, dass Gilead ihre monopolistische Macht, die durch das Patentsystem ermöglicht wird, voll auskosten. Legitime Stakeholder wie z.B. die betroffenen Patienten scheinen hier keinerlei Verhandlungsmacht zu besitzen und haben somit das Nachsehen. Vor allem solche, bei denen die Krankheit noch nicht besonders fortgeschritten ist, da in diesem Fall das Medikament von der Krankenkasse hierzulande nicht bezahlt wird.

Dass solche Stakeholder zu wenig in den Prozess miteinbezogen wurden, ist jedoch reine Vermutung. Bei der Suche nach einem Nachhaltigkeitsbericht wird man auf der Webseite von Gilead nicht fündig. Auch sonst sind keine Informationen über einen Stakeholderdialog zu lesen, weder findet man konkrete Massnahmen noch irgendwelche Commitments. Spätestens durch diese Intransparenz wird Gilead angreifbar. So muss angenommen werden, dass die meisten Stakeholder von der Unternehmung nicht ernst genommen werden. Meiner Meinung nach kann sich eine aufstrebende, global agierende Firma diese Intransparenz nicht leisten. Und zwar weder monetär noch moralisch.

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Vanessa McSorley

Veröffentlicht von

Vanessa McSorley hat ein Lizentiatsabschluss (Masterabschluss) der Psychologie von der Universtität Zürich. Als Nebenfächer belegte sie BWL und Wirtschaftsgeschichte. Vanessa interessiert sich besonders für die Normative Stakeholdertheorie und für positive Psychologie im Unternehmenskontext. Daneben forscht Vanessa zum Thema Strategisches Managment und Stakeholdertheorie und unterrichtet gelegentlich Wissenschaftliches Arbeiten an der HWZ. Neben der Forschung geniesst es Vanessa in der Natur zu sein, insbesondere der Wald und die Berge sind bevorzugte Aufenthaltsorte. Wandern mit Freunden, Training mit dem Hund und verschiedene Sportarten sind Aktvitäten, die sie liebt. Vanessa arbeitet seit Anfang 2013 an der HWZ.

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