Vom Mut und der Kreativität, ein offenkundiges „falsch“ als „richtig“ zu erwägen

Stakeholder zu sein, bedeutet immer auch zuhören zu können, vor allem dann, wenn das, was man hört, diametral quer zu den eigenen Überzeugungen ist. Noch besser – und schwieriger – ist es, wenn man es schafft, mit beginners mind zuzuhören, also ohne vorgefasste Meinung genau das aufnimmt, was gesagt wird und das Verstandene als mögliche „Wahrheit“ eingehend erwägt.

Es braucht Empathie und Mut, manchmal sehr viel Mut, sich für die entgegengesetzte Perspektive tatsächlich zu öffnen. Denn man riskiert nicht nur zum Schluss zu kommen, dass man in einem Punkt „falsch“ liegt, sondern auch dass man sein Weltbild generell revidieren muss. Und das wiederum kann für das Selbst, bzw. das Selbstbild, in das man lange investiert hat, bedrohlich sein.

Ein Beispiel: in meinem persönlichen Umfeld gibt es einige Personen, die sich für die vermehrt aufkommenden populistischen Ideologien (rechts oder links) und Vorgehensweisen begeistern können. Für mich a priori ein Schreck: zu abschätzig ausgrenzend und angstschürend politisieren sie, und überhaupt, zu „falsch“ sind sie in ihren vereinfachten Lösungsvorschlägen. Wenn ich nun einem „Populisten“ in einem Punkt „recht“ geben würde, dann, so die tiefsitzende Befürchtung, würde ich auch einer von ihnen werden, beziehungsweise, mein Selbstbild als „aufgeklärter, differenziert denkender Humanist“ wäre für mich in Frage gestellt. Was aber wenn ein Problem, das die Populisten mit ihren Pauken thematisieren, nichtsdestotrotz von ihnen ziemlich realitätstreu erkannt wird und von einem selbst ungewollt verkennt oder gewollt heruntergespielt wird? Was, wenn ich zum Schluss käme, dass ein solcher Lösungsvorschlag die Beste von allen propagierten Optionen ist?

Die psychologische Forschung bestätigt, dass wir Menschen weit mehr von unseren Emotionen geleitet werden, als von den nüchternen Fakten. Kurz: wir biegen uns die Welt und „Fakten“ oft so zurecht, dass sie mit unseren persönlichen Erfahrungen, Interessen und sozialen Umfeld im Einklang sind und nicht einer konsequent kohärenten Logik folgen.

Es ist bedenklich, wie Michael Bloomberg an der 2014 Harvard Abschlussfeier Rede darauf hingewiesen hat, dass an den meisten amerikanischen (wohl auch vielen europäischen) Universitäten eine weitgehend politische – Links-Liberale – „Groupthink“ vorherrscht. Somit gingen z.B. in den 2012 Präsidentschaftswahlen 96% aller Wahlkampfspenden von Professoren an US Ivy League Unis an Barack Obama. Wie Bloomberg es pointiert ausgedrückt hat, gab es im alten Sowjet Politbüro mehr Dissens als bei den Ivy League Spendern.

Diese Tendenz zum Gruppendenken hat Konsequenzen, nicht nur für eine gut funktionierende, pluralistische Demokratie aber auch eine Wirtschaft, die auf engagierte, kreative Mitarbeiter angewiesen ist. Denn ein Staat verspielt seine Legitimität und ein Unternehmen verliert seine Innovationskraft, wenn die Anliegen und Perspektiven ihrer Stakeholder nur einseitig berücksichtigt werden.

Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass es immer drei Wahrheiten gibt: meine, deine und die Wahrheit. Diese Einsicht lädt uns zu mehr Bescheidenheit und Empathie für die „Anderen“ ein, und bleibt somit dem „Stakeholder“ Ansatz treu.

Konklusionen in einer Stakeholderperspektive sind:

  • Als Stakeholder – in der Politik, wie analog in einem Unternehmen – bedarf es die Selbstkompetenz unvoreingenommen zuzuhören.
  • Es braucht oft Mut, auch Perspektiven als „richtig“ gelten zu lassen, die man a priori als „falsch“ betrachtet.
  • Der Stakeholder-Ansatz geht immer davon aus, dass es mehrere „Wahrheiten“ gibt, die es zu berücksichtigen gilt.
Manuel Dawson

Veröffentlicht von

Manuel Dawson kommt ursprünglich aus dem Bereich der Molekularen Biophysik, wo er mehrere Artikel zur Elektrontransfer-Theorie des photosynthetischen Apparates von Bakterien mitverfasst hat. Danach verliess er die Wissenschaft und arbeitete mehrere Jahre im internationalen Marketing in der Biomedizin-Industrie, wo er aus erster Hand die ausser Kontrolle geratene Dotcom Blase der späten Neunziger Jahre in den USA erlebte. Dies überzeugte ihn, dass das heutige Wirtschaftssystem einer tiefgreifenden Revision bedarf, die unter anderem auch in den Köpfen von Managern stattfinden muss. In Folge fand er mit Freude zurück zur Universität, wo er sich heute insbesondere für die praktische Anwendung des Stakeholder-Ansatzes interessiert und die PRME (Principles of Responsible Management Education) an der HWZ einführt.

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