Digitalisierung der Gesellschaft: Welche Konsequenzen für die Stakeholder?

Sprache ist immer ein Abbild der individuellen und gesellschaftlichen Wahrnehmung von Wirklichkeit. Gleichzeitig prägt unsere Sprache auch diese Wirklichkeit, nicht zu Letzt weil es unser Handeln beeinflusst. In dem es unser Handeln beeinflusst, hat Sprache auch eine normative Dimension, die sich für das Konzept „Stakeholder“ von Relevanz erweist. In Hinblick auf das heute zunehmend thematisiere Schlagwort „Digitalisierung“ der Gesellschaft ist eine Untersuchung auf was dies begrifflich und konzeptuell hindeutet von Interesse.

In der Elektronik wird „Digital“, im Vergleich mit „Analog“, wie folgt dargestellt:

grafik-manuelWie die Graphik veranschaulicht, ist dem „Analogen“ eine kontinuierliche Variation inhärent, dem „Digitalen“ ein Entweder-oder. Während das „Analoge“ auf etwas Weiches und Verbindendes hindeutet, so ist dem „Digitalen“ etwas Scharfes und Trennendes inhärent.

In den letzten zwei Dekaden wurde das WWW, wie der Begriff „Web“ indiziert, zu Recht als förderlich für die weltweite Vernetzung und Ermächtigung von Menschen gepriesen. Die sich heute entwickelnde „Digitalisierung“ deutet nun in die entgegengesetzte Richtung hin, nämlich auf eine Atomisierung der Menschen, wobei Jeder und Jede als diskreter „Daten-Knoten“ fungiert der genau erfassbar, messbar und daher einteilbar ist. Während das „Web“ also etwas inhärent Inklusives hat, so liegt dem Konzept „Digital“ etwas Exklusives inne.

Implikationen für die die Stakeholder

Im Silicon Valley werden die Digitalisierung und dessen Konsequenzen für die Gesellschaft geradezu als Utopie erkoren. Unter dem Banner der „Freiheit“ steht die Zukunft im Bann der Dauer-Unternehmer die immer und überall eine Chance wittern und sich mit agiler Selbsterfindung, Innovation und Durchhaltevermögen eine sich fortwährend wandelnde ökonomische Nische kreieren. Die Welt wird dann nur noch aus „Ich-AG“ Persönlichkeiten in einem durchglobalisierten, darwinschen Markt verstanden, die sportlich das neuste „Es-Produkt“ offerieren. In dieser radikalen (Schein-)Meritokratie ist Jede und Jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich: Gewinner haben ihren Reichtum verdient, Verlierer deren Armut. Es ist eine Digitale, Entweder-oder Wahrnehmung der Weltordnung.

Auf den Einwand, dass nicht Jeder und Jede das Zeug dafür hat, eine Hi-Tech Firma aufzuziehen, wird eingewendet, dass unternehmerischer Geist auch im bescheideren Rahmen möglich ist, wie z.B. als „Uber“, „Airbnb“ oder „Upwork“ Kleinst-Unternehmer, oder einfach als digitaler Hausierer im Netz.

Nur: gewährt dieses hyper-individualisiere, libertäre Wirtschaftsmodell denn auch eine adäquate Existenzgrundlage für eine Menschheit, die de facto eine genetisch bedingte Gauss‘sche Normalverteilung von Fähigkeiten und Ressourcen aufweist? Ferner, bietet diese digitale Realität eine Grundlage für unser evolutionär bedingtes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Verlass und Geborgenheit?

Fakt ist, dass Leben selten ein digitales Ereignis ist, es herrschen vor allem analoge Grautöne. Unser Gehirn hat sich evolutionär in einer weitgehend „Analogen“ biologischen Welt entwickelt, riskiert nun aber einseitig einer digitalisierten Technologie und Weltanschauung unterworfen zu werden. Dieses digitale Selbstverständnis, wo alles genau trenn- und einteilbar ist, fordert aber unsere Selbstwahrnehmung als sozial und ökologisch eingebundener Stakeholder heraus, der sich als integraler Teil vom Ganzen versteht.

Konklusion aus der Stakeholder View:

  • Die „Digitalisierung“ fordert unser Selbstverständnis als sozial eingebundener Stakeholder heraus. Die Gewährleistung einer sowohl materiellen, wie auch seelischen Existenznische für alle Menschen bedarf mehr denn je eine erweiterte, integrierende Gesellschaftsperspektive, wie sie die Stakeholder View zur Verfügung stellt.

 

Manuel Dawson

Veröffentlicht von

Manuel Dawson kommt ursprünglich aus dem Bereich der Molekularen Biophysik, wo er mehrere Artikel zur Elektrontransfer-Theorie des photosynthetischen Apparates von Bakterien mitverfasst hat. Danach verliess er die Wissenschaft und arbeitete mehrere Jahre im internationalen Marketing in der Biomedizin-Industrie, wo er aus erster Hand die ausser Kontrolle geratene Dotcom Blase der späten Neunziger Jahre in den USA erlebte. Dies überzeugte ihn, dass das heutige Wirtschaftssystem einer tiefgreifenden Revision bedarf, die unter anderem auch in den Köpfen von Managern stattfinden muss. In Folge fand er mit Freude zurück zur Universität, wo er sich heute insbesondere für die praktische Anwendung des Stakeholder-Ansatzes interessiert und die PRME (Principles of Responsible Management Education) an der HWZ einführt.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Dawson,
    Sie weisen mit Ihrem Beitrag auf einen wichtigen Aspekt hin, den ich in diesem Sommer mit einen Positionspapier “Verantwortung für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft” (zu finden auf http://www.blo-beratung.de/download.php unter dem Stichwort “Positionspapier Verantwortung” ) mit ähnlicher Überlegung aufgegriffen habe. Gerade bei uns in Deutschland findet die Debatte über Digitalisierung nach wie vor auf der Ebene von Apps und Devices statt, was nach meiner Ansicht wenig zielführend ist: nichts außer Oberflächen. An eine Verantwortung – also, dass was auch den Stakeholer-Ansatz ausmacht, reichen sie nicht heran. Da ist noch viel zu tun. Im Moment ist die Zeit, dass – wie ich es angesichts der Veröffentlichungsflut der “Technokraten” erlebe – sich Gegenstimmen asymmetrisch, weil nicht von Werbebudgets oder offensichtliche Fördertöpfe unterstützt austauschen. Daher würde ich mich auch über eine Antwort freuen.
    Ihr
    Andreas Seidel

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